Von New York nach Neufundland 1990

Am 22. Februar 1990 flogen wir, der Radler mit Hund, wieder nach New York. Noch war der Gedanke vorhanden, dass ich an meinem Krebsleiden sterben würde. Doch bevor dies geschah, hatte ich vor, noch so viel vom Nordamerikanischen Kontinent zu sehen wie möglich. Mir war klar, dass ich auf diesem Trip sterben würde, also warum darüber nachdenken?

Einige Wochen zuvor hatte ich Kontakt zu Onkel Charlys Halbbruder Dan aufge- nommen. Dieser lebte mit seiner Familie auf New York Long Island.

Nachdem wir auf dem Kennedy Airport gelandet waren, holte uns Dan mit seinem museumsreifen Doge Pick Up. Shir Khan hatte den Flug sehr gut überstanden. Er war nur noch etwas benebelt von den Beruhigungstabletten.

Als wir zu Hause bei Dan in dem kleinen Ort Medford eintrafen, wurden wir von Dans Frau Emalou herzlichst begrüßt. Die schmale hagere Frau war sehr erfreut über unseren Besuch. Sie hatte noch nie eines der Kinder oder einen Verwandten von Dans Halbbruder Charly gesehen.

Am 24.2. fuhr ich mit der Untergrundbahn (Subway) Medford zu Emalous und Dans Tochter Kashy nach Manhattan New York. Es war kein sehr schöner Tag, um die Sehenswürdigkeiten der 8,2 Millionen-Einwohner-Stadt anzuschauen. Wir liefen den ganzen Tag im Regen herum, um das Empire State Building, Chinatown, Times Square, die Freiheitsstatue und das World Trade Center anschauen zu können.
New York, der Schmelztiegel Amerikas. Menschen aller Nationen, Hautfarben und Religionen, arm und reich, einfach alles, was diese Welt multikulturell und multinational zu bieten hatte. Ich hatte jedoch das Gefühl, dass es eine Stadt ist, in der sehr viel Gleichgültigkeit herrscht. In der Menschen Angst haben, angesprochen zu werden. Eine Stadt aus Beton, Stahl und Eisen, mit dicht gedrängten Wolkenkratzern und Bürohochhäusern. Die Menschen wie Ameisen in ihrem Bau. Faszinierend und hässlich. Fröhlich und angsteinflößend. – New York! – Ich möchte hier nicht leben.

Gegen 23.30 Uhr trat ich dann die Rückreise nach Long Island an. Es war kein Mensch mehr in der Untergrundbahn. Ein junger Mann kam mir auf dem Bahnsteig entgegen. Jeans, dicke Armeestiefel, Rollkragenpullover, darüber eine abgegriffene Armeejacke, unrasiert und lange schmuddelige Haare. Er sprach mich an, ob ich nicht ein paar Dollar für ihn hätte. Ich sagte ihm, dass ich auf mein Geld auch angewiesen sei. Er pöbelte mich an und stieß mich zurück. Im selben Moment zog er ein Klappmesser aus der Jackentasche. Die Klinge sprang heraus. “Gibt deine Kohle her!” Mir rutschte das Herz in die Hose. Ich sah mich um, doch da war keine Menschenseele, die mir hätte helfen können. Er winkte mit dem Messer und deutete mir damit an, ich solle das Geld herüberrücken. Ich atmete zweimal tief durch und fing an zu lachen.
Meine Knie zitterten, das sah aber diese arme Kreatur nicht. Jetzt nur nicht die Nerven verlieren, Randy, sagte ich zu mir. Ihm zu zeigen, dass du bald in die Hose machst vor Angst, wäre nicht gut, wahrscheinlich wartete er nur darauf.
„Komm', hole es dir“, kam es überraschend über meine Lippen. Mit den Händen winkte ich ihn zu mir und lachte. Irgendwie schien er das nicht zu verstehen. Entweder war der Kerl volltrunken oder bekifft, denn er reagierte total verunsichert.
Wir schauten uns in die Augen. Ich mit einem Grinsen, er unschlüssig und irritiert. Dann drehte er sich plötzlich um und rannte die Treppe hinauf, fiel dabei noch hin und verlor sein Messer. Er ergriff das Mordinstrument, ließ die Klinge zurückspringen und stolperte weiter die Treppe hinauf. Ich suchte die nächste Sitzbank auf, denn ich konnte nicht mehr stehen. Meine Knie waren so weich, sie hielten das Gewicht meines Körpers nicht mehr. Ich setzte mich auf die Wartebank, Tränen flossen über meine Wagen und meine Hose war auch nicht mehr ganz trocken.
Ich hatte bei meiner ersten Planung, die ich in Deutschland ausgearbeitet hatte, zu viele Städte in zu kurzer Zeit hintereinander eingeplant. Nach diesem Erlebnis warf ich unsere Reiseplanung kurzerhand über den Haufen. Es ging nun in Richtung Nordosten.

An unserem ersten Reisetag, es war der 1.3.90 fuhren wir von Medfort bei leichtem Schneefall zum Landende der Halbinsel „Long Island“. Von Orient Pt. mit der Fähre über den Long Island Sound nach New London/Rhode Island. Wir durchquerten im Winter die Staaten New Englands ( Rhode Island, Connecticut, Massachusetts, New Hampshire und Main).
Wir übernachteten in Parks und Wäldern und hatten bis zu minus -18°C. Ich fror wie Espenlaub. Der Schlafsack, den ich dabei hatte, sollte eigentlich bis minus -28°C warm halten.

Wir besuchten die geschichtsträchtige Hauptstadt von Massachussets, Boston. Hier lohnte es sich, den rot markierten Freiheitspfad zu gehen. Vom historischen Rathaus zum Boston Massaker, Bunker Hill bis zur Fregatte USS Constitution, auch die „alte Eiserne“ genannt. Sie ist eines der ältesten Kriegsschiffe der Welt. Hier tauchte zum ersten Mal der Name „Teeparty“ auf.

Auf dem Highway 2 ging es über Needham nach Lexington. Hier hatte am frühen Morgen 1775 der Unabhängigkeitskrieg begonnen. Ich schaute mir die historische Stadt Concord mit der North Bridge, wo die Engländer von den amerikanischen Freiheitskämpfern, den so genannten „minute men“ geschlagen wurden, an.

Wir fuhren unterhalb der Appalachian Mtns. durch das Longfellow Gebirge. Jeden Morgen dasselbe Spiel: Man wacht vom Frieren auf, fragt sich: warum mache ich das überhaupt? Ein paar Liegestütze, um warm zu werden, dann packt man und fährt weiter. Man wird warm. Sieht die wunderbare Landschaft. Trifft nette Menschen und schon waren diese kalten Nächte vergessen.

Von Main fuhren wir am 14.März.90 über die Grenze nach New Brunswick/Kanada. Der Highway 105, entlang des breiten St.John River brachte uns zur Stadt Fredericton und weiter nach Saint John. Vom dortigen Fährhafen setzten wir über den Meeresarm Bay of Fundy nach Digby in die Provinz Nova Scotia. Drei Stunden brauchte die Fähre für die 72km.

Es ging weiter auf dem Kejimkujik Scenic Drive (Highway8) quer über die Halbinsel. Das Wetter war nasskalt und nebelig. Der Kejimkujik National Park, in dem wir eine Nacht verbrachten, erschien am nächsten Morgen durch die Moose und Flechten, die an, über und auf den Bäumen wuchsen, unheimlich bis mystisch im Nebel
Wir kamen auf dem Highway 331/3 an Orten wie Liverpool, Kingsburg, Lunenburg und Chester vorbei, Ortsnamen, die man aus der „alten Welt“ bei der Erschließung dieses Kontinentes mitgebracht hatte.

Ich hatte mein erstes TV-Interview in Kanada bei CBS am 19.3.1990 in Upper Kingsburg. Die Light House Route brachte uns nach Halifax, Hauptstadt der Provinz Nova Scotia.
Maggie Woods, die bei einer Rederei arbeitete, wurde auf Shir Khan aufmerksam. Sie organisierte für uns eine kostenfreie Überfahrt auf dem 36.000 Brutto Register Tonnen Containerschiff ASSL Cygnus.

Der Kapitän begrüßte uns auf dem Schiff und Master Chief Henning zeigte uns unsere Kabine mit Dusche und WC, in der wir die nächsten 3 Nächte verbringen würden. Ich konnte es nicht fassen! Das alles, sowie drei warme Malzeiten und noch Kaffeepausen zwischendurch, einfach genial. Wir konnten uns frei auf dem Schiff bewegen, ob es der Maschinenraum war, wo der riesige Dieselmotor 16000PS auf die Schiffsschraube brachte, das Ladedeck, auf dem 15.175 Tonnen an Containern standen oder die Brücke, wo man von dem erhabenen Gefühl übermannt wurde, dort stehen zu dürfen.

Ende März verließ die ASSL Cygnus den Hafen von Halifax in Richtung Neufundland. An Bord waren 22 Mann Besatzung, 1 Passagier und 1 Hund. Noch während die Cygnus auf hoher See mit 17 Knoten dahin schiffte, machten mich viele der Crew darauf aufmerksam, dass es keine gute Idee sei, um diese Jahreszeit in Neufundland Rad zu fahren.

Nach drei Tagen waren wir in St. John`s, Neufundland, und fuhren von der Laderampe der ASSl Cygnus herunter in die kälteste Woche der letzten 25 Jahre. Nach drei eiskalten Tagen mit Temperaturen von unter minus -30°C hatte ich Frostbeulen an Händen und Füssen. Da meine Ausrüstung dieser Kälte nicht standhielt, musste ich nach 5 Tagen aufgeben.

Da lacht selbst Alf nicht mehr.

Ein Truck nahm uns bis zur Hafenstadt Corner Brook mit, wo ich ein Schiff für unsere Reise zurück zum Festland suchte. Im Hafen entdeckte ich die ASSL Cygnus wieder, die schon zwei Tage in Richtung Halifax unterwegs hätte sein sollen. Sie lag noch immer im Hafen vor Anker. Grund: 3 Tage zuvor, während des Auf- und Abladevorgangs, war die Bucht vom Golf von St. Laurent zugefroren.

Unter dem Gelächter und Kopfschütteln vieler Besatzungsmitglieder gingen wir wieder „on board“. Obwohl mich viele, vor allem master chief Henning, gewarnt hatten, war Erleichterung in ihren Gesichtern zu sehen. In den letzten Tagen hatten sie sich gefragt, ob der Verrückte mit dem Hund wohl heil durch diese Schneestürme gekommen sei.

Es meldete sich ein Eisbrecher an, und die ASSL Cygnus schipperte auf dem breiten Humber River hinaus bis zur Bay of Island, wo wir dann, wie viele andere Schiffe, im Eis stecken blieben.

Frühmorgens, am 1.April, 1990, wurden wir von einem lauten Knirschen geweckt. Fünf Minuten später stand ich auf der Brücke. Blankes Entsetzen war in meinem Gesicht zu sehen. Ein anderes Schiff kam direkt auf uns zu. In der Nacht war der Eisbrecher gekommen und hatte eine Fahrrinne in das Eis gebrochen. Schiff an Schiff im Konvoy fuhren wir hinter dem Eisbrecher her. Doch auch entgegenkommenden Schiffe fuhren in derselben Spurrinne. Als dieses Schiff uns passierte, krachten und knirschten die Eisplatten zwischen den Bordwänden hoch. Man hätte den dortigen Matrosen die Hand reichen können.

Wieder zurück auf dem kanadischen Festland in Halifax fuhren wir auf der Trans Canada Highway.2 (TCH) durch den Norden von Nova Scotia und erreichten die Provinz New Brunswick einige Tage später.

Angehäufter Müll in den Straßengräben der TCH hinterließen keinen guten Eindruck von den Menschen in New Brunswick. Nur hirnlose Menschen, die keinen Bezug zur Umwelt haben, machen so etwas.

In der Nähe des Machqucac Staudammes hängte sich die Hinterradcassette aus und ich drehte ins Leere. Das Hinterrad wurde durch die Kette nicht mehr bewegt. Da stand ich auf der Straße und nichts ging mehr. Doch ich stellte fest, dass es trotz der umfangreichen Ausrüstung kein Problem beim Trampen gab. Das erste Auto hielt schon an, als ich den Daumen heraus hielt. Alles wurde auf den Pick Up (wie der Name schon sagt) geladen und los ging es.

Immer, wenn es etwas zu reparieren gab und man einen Bikeshop brauchte, war Wochenende!

Wir wurden von dem netten Fahrer zu sich nach Hause eingeladen. Er und seine Frau waren erzkonservativ – bei den Diskussionen kam ich mit dieser Denkweise nicht zurecht. „Trotzdem“ nette Menschen. Am Montag lud ich das Bike auf den Pick Up, wobei sich die Casette (Ritzel) unerklärlicherweise von selbst wieder einhängte.

Wir fuhren weiter in Richtung Norden auf der TCH, wo wir den mächtigen St. Lawrence River am 17.4.90 erreichten. Vor Riviere-du-Loup hatte ich eine Straßenampel gesehen, auf der ein Flugzeug abgebildet war. Sie stand auf rot. Weit und breit kein Fahrzeug. Auf einmal ein lautes Geräusch und ein Flugzeug überquerte die Straße im Tiefflug. Ich war doch etwas überrascht.
Wir fuhren mit der Fähre über den Meeresarm (Saint Laurens) nach Saint Simeon in die kanadische Provinz Quebec.

Inzwischen hatten wir die ersten drei Monate mit Schneestürmen und Frostbeulen hinter uns. Es war nun an der Zeit, einen Check Up (Bluttest, Röntgen usw) machen zu lassen. Ich hatte gedacht, in Kanada wäre man so ausländerfreundlich wie die Behörden in Deutschland, aber ich musste mich eines besseren belehren lassen. Wohl nur in Deutschland genießen Ausländer derartige Privilegien.
Ich fragte in Quebec City bei der Canadian Cancer Society nach. Die Mitarbeiterin wies mich mit einem Lächeln ab. Der Check Up sollte ca. 400$ kanadische Dollar kosten. Das Ende dieser Exkursion schien nahe. So viel Geld für einen Untersuchung? Dann fiel es mir wieder ein: Was für ein Brett hatte ich denn vor dem Kopf? Es war doch sowieso alles egal!

Auf dem Weg nach Montreal rieb mich die Ungewissheit auf und ich dachte, es sei vielleicht ist doch besser, einen Check-Up machen zu lassen.
In einer Jugendherberge in Montreal traf ich auf Hans, einen aus Deutschland verjagten Paparazzi. Hans empfahl mir, ich solle es doch einmal bei der örtlichen Krebsgesellschaft versuchen. Denn im französisch sprechenden Teil Kanadas gab es eine weitere Krebsorganisation.

Hans hatte recht, die Fundation Quebeccoise du Cancer in Montreal ermöglichte mir eine kostenfreie Untersuchung.
Dort fragte mich der leitende Arzt, der mich untersuchte, ob ich nicht zu anderen Leidensgefährten sprechen wolle.
„Was sollte ich denn diesen Menschen sagen?“ fragte ich ihn.
„ Einfach nur das, was Sie tun,“ war seine Antwort.

Im ersten Moment verstand ich diese Frage nicht. Was ich mit meinem Leben machte, das sollte ich diesen Menschen sagen?
„Nur Leben, ich möchte mein Leben leben, solange es geht und das tun, was ich schon immer tun wollte“, sagte ich dem Arzt.
„Genau das ist es, was Sie den Patienten sagen sollten“, antwortete er.

Das kann doch nicht so schwer sein, dachte ich mir und willigte ein. Am nächsten Tag im Centrum der Fundation waren 25 Patienten versammelt. Zwei große Tageszeitungen, La Press und Journal de Montreal. CBC Radio und CBS TV. Noch nie hatte ich vor versammeltem Publikum gesprochen oder einen Vortrag gehalten, und vor laufender Kamera schon gar nicht.
Ich war nahe eines Herzinfarktes. Mit zitternder Stimme fing ich an, über mein Leben zu sprechen. Gespannt hörten die Menschen zu und fingen zum Teil an zu weinen.

Meine Güte, was hatte ich nur mit meinem schlechten Englisch angestellt? Die ersten Worte, die ich in der englischen Sprache gehört hatte, waren im Flugzeug 1986 : Ladies and Gentlemen, fasten your seatbelts and stop smoking.

Doch der Arzt sagte nach dem Vortrag, es wäre gut zu verstehen gewesen und richtig, was ich gesagt hatte. Auf den Stühlen saßen Menschen die sich vor Selbstmitleid aufrieben. Nun hatten diese Menschen erkannt, dass man die Hoffnung niemals aufgeben darf.

Der Arzt erzählte mir, dass diese Patienten zu ihm kämen und ihn bitten würden, sie zu heilen. Als Arzt könne er operieren, therapieren und alles tun was in seiner Macht stünde, doch heilen könne er nicht, das könne kein Arzt der Welt. Heilen würde im Kopf anfangen und ich wäre das klassische positive Beispiel für diese Menschen.
Ich könne Menschen Mut und Hoffnung bringen, ein Strohhalm des Lebens für andere Menschen sein.

Das war alles schön und gut, doch fragte ich mich selbst, wie lange würde ich selbst noch auf dieser Welt sein? Zum ersten Mal in meinem Leben wurde ich gebraucht. Zum ersten Mal bekam ich Bestätigung von Menschen, die mich nicht kannten.
Der Befund der Untersuchung war negativ, und somit konnten wir guten Mutes weiterziehen.
Jetzt hatte ich ein neues Ziel: ich wollte in Zukunft krebskranken Menschen helfen.

--------------REFERENZSCHREIBEN-------------------

In der kanadischen Hauptstadt Ottawa waren wir am 5.5.1990. Die CCS dort lehnte jedoch mein Angebot, vor Kranken zu sprechen, abMir schien es, dass die Canadian Cancer Society mit meiner Aussage über den Zeitjäger nicht ganz einverstanden war.

Dagegen hatten wir viel mehr Glück bei den großen Tageszeitungen. Durch die Interviews in Montreal waren die Reporter der Tageszeitungen SUN und CITIZEN, sehr schnell vor Ort.

Es fanden Interviews in Toronto mit der Toronto SUN, CFTO Chanel 9 und CBC Radio statt. Jeden Tag hatten wir Interviews gegeben. Doch Sponsoren blieben aus. Es hielten uns jedoch Menschen an, die uns aus den Tageszeitungen erkannten, gratulierten uns und halfen uns mit ein paar Dollar weiter. So kamen wir nicht nur mit dem Rad vorwärts.

„Dont give up!“, rief man uns in vielen Orten zu. Auch aus vorbeifahrenden Fahrzeugen schallte dieser Ruf. Das war für mich schon ein tolles Gefühl!

Wir fuhren in Richtung Norden auf der schmalen Landmasse der Bruce Peninsula (Halbinsel), die zwischen der Georgian Bay und dem Lake Huron liegt. Diese beiden Gewässer sind das größte Süßwasserreservat Nordamerikas, zusammen mit dem Michigan Lage im Westen und dem nördlich davon liegenden Lake Superior. Die TCH, der wir nun folgten, brachte uns zu den Städten Sault St.Marie, Wawa und Thunder Bay, die an den Lake Superior grenzten.

Mitte Juni waren wir in der Hauptstadt der Provinz Manitoba, Winnipeg. Hier stieß ich in den Krankenhäusern auf große Zurückhaltung. Etwas resigniert zogen wir weiter zur Stadt Portage la Prairie (Tor zu Prärie). Die Temperaturen waren inzwischen zwar schon angestiegen, doch ich hielt es noch für möglich, die lange Strecke durch die Prairie zu bewältigen. So fuhr ich nun hunderte von Kilometern auf dem Trans Kanada Highway. Der TCH hatte nun seinen Eigennamen, Yellow Head.

Wenn ein Truck uns überholte, sahen wir ihn nach 5 Minuten und 31 Sekunden nicht hinter einer Kurve oder einem Hügel verschwinden. Nein, er löste sich vor meinen Augen einfach auf, er war nicht mehr wahrzunehmen. Farm und Grasland soweit das Auge reichte. Wo noch vor 250 Jahren Millionen von Büffeln das Präriegras fraßen, grasten heute Rinder.

Zwei Tage bevor wir die Hauptstadt von Saskatchewan, Saskatoon erreichten, bekamen wir die Ausläufer eines Hurrikans zu spüren. Eiskristalle, so groß wie Taubeneier prasselten vom Himmel. Nur mit knapper Not konnten wir uns retten. Wir hatten die „unendliche“ Prärie in der Provinz Alberta hinter uns gelassen.

Fast auf der gesamten Fahrt durch die Prairie versuchte ich, in den Krankenhäusern der Städte vorzusprechen. Aber ich hatte das Gefühl, je älter die Ärzte waren, desto weniger aufgeschlossen waren sie meiner positiven Einstellung gegenüber, die ich von meiner Krebsbekämpfung hatte.
Die Aussage einiger Ärzte: Krebs ist eine Krankheit, die nichts, aber auch gar nichts mit dem Ich, dem Geist oder der Willenskraft eines Menschen zu tun hat.
Die Einstellung mir gegenüber war im ersten Moment sehr skeptisch. Als ich dann aber die Befunde über mich vorlegte, taten sie es damit ab, dass ich „Glück“ gehabt hätte. Der Kampf gegen den Krebs war in ihren Augen nur mit Operationen und Chemotherapie zu gewinnen.

Das Medieninteresse hatte in den Präriestaaten etwas nachgelassen. Doch der Zufall wollte es, dass wir in Deutsch-Kanadische Clubs eingeladen wurden. Einige Mitglieder hatten Kontakt zur Presse, und so kam es, dass wir wieder in den Medien erschienen. In Edmonton hatten wir Interviews im Radio, mit dem „Edmonton Journal“ und der Deutschen Zeitung „Kanada Kurier“.

Es ging weiter auf dem Highway 2A am Fuße der Rocky Mountains über Red Deer nach Calgary. Hier wurden wir von der CCS (Canadian Cancer Society) Alberta Division herzlichst empfangen und weiter nach Vancouver vermittelt.

Bevor wir hoch in die Rocky Mountans fuhren, wurden wir noch zu einem der spektakulärsten Rodeos der Welt eingeladen, der Calgary Stampede. Es war für europäische Augen erstaulich, was dort geboten wurde: Planwagenrennen, Bullenreiten, Rinder, die durch einen brennenden Reifen sprangen und vieles mehr.
Außerhalb der Arena tanzten bei einem Wettbewerb vor Punktrichtern Indianer ihre traditionellen Tänze, um für ihre Darbietungen ein hohes Preisgeld zu verdienen. Doch das absolute Highlight für mich war das Reiten auf den Wildpferden.

Die Reise war für mich eine Mission geworden und verband sich gut mit meiner Abenteuerlust. In den Städten versuchte ich, Menschen durch meine Story, die von Tag zu Tag länger wurde, zu helfen. Wieder alleine mit Mutter Natur hatte ich mein Abenteuer.

Ich stellte fest, je mehr ich gab, desto mehr kam von den Menschen zurück. Immer dann, wenn wir unseren Notgroschen (Geld für Rückflug) angegriffen hatten, öffnete sich ein neues Türchen und die finanzielle Unterstützung brachte uns wieder weiter.

Als wir Calgary verlassen hatten, bauten sich vor uns die Rocky Mountains wie eine unüberwindbare Wand auf. Wir besuchten die von Touristen überlaufenen Städtchen Banff und Jasper. Das gletscherfarbene Wasser des Lake Louise verzauberte mich und ich schrieb in mein Tagebuch: Ich könnte weinen vor Freude, so schön ist es hier.

Shir Khan jagte oft den „Gophers“, den Streifenerdhörnchen nach. Er brachte mich des öfteren ins Straucheln, wenn er zum Beispiel bei vollem Galopp plötzlich in den Straßengraben sprang, um eines dieser Gophers
zu erhaschen. Dann hörte man ein Knacken und das Erdhörnchen war „gegessen“.

Über diese Streifenhörnchen gibt es eine Indianersaga. Die Ureinwohner haben für alles eine Saga, eine Geschichte, die sie und Mutter Erde betrifft. Sie stehen wirklich näher zu Gott als viele Menschen, die nur dann an Gott glauben, wenn sie große Probleme haben. Gott war und ist für die Indianer die Mutter Erde und die Natur. Diese Einstellung teile ich mit ihnen.

Am 20.7.90 fuhren wir zum dicht bewaldeten Glacier National Park und hoch zum Rogers Pass. Dieses Gebiet war hunderte von Jahren nicht bewohnt. Den Indianern zu unheimlich, von den Forschern aus Europa bei der Überquerung der Rockys möglichst gemieden. Eine wunderbare Landschaft.

In Vancouver British Columbia hatten wir im Hotel West Inn Bayshore das zweite Treffen nach Calgary mit der Canadian Cancer Society. Man muss aber dazu sagen, dass es sich hierbei nur um die Divisionen der Provinzen Alberta und British Columbia handelte. Mehrere Radiostationen, CBC-TV und die Vancouver SUN wurden zu einer Pressekonferenz mit mir ins Hotel eingeladen. Doch wieder hatten wir keine Sponsoren gefunden.
Außerdem wurde es für mich wieder Zeit für ein Check-up . Die B.C. Cancer Division hatte für mich eine kostenfreie Untersuchung bei einem Spezialisten organisiert.
Der Befund war allerdings nicht das, was ich hören wollte. In den nächsten Wochen sollten acht Pigmente entfernt werden. Davon eines am linken Fußknöchel.

Nur gut, dass ich noch ein paar Wochen vor mir habe, dachte ich.
Wir fuhren über Vancouver Island nach Victoria und setzten am 3.8.90 über nach Port Angeles/USA. Von dort ging es wieder nach Raymond in Washington, wo ich nach 2-jähriger Abwesenheit wieder auftauchte.
Das Gefühl meiner Tierärztin Teri mir gegenüber war inzwischen leider etwas abgekühlt. Was verständlich war nach über zwei Jahren ohne Kontakt.

Also fuhr ich mit dem Fährschiff von der Hafenstadt Bellingham nach Sitka
in Alaska, gemeinsam mit anderen hikern und bikern. Ich lernte Sue und David aus Kalifornien kennen, mit denen ich auf dem Fährschiff lange Gespräche führte. Zusammen gingen wir am späten Abend von Bord. Wir stellten unsere Zelte im Hafen auf und sahen zum ersten Mal in der Nacht Nordlichter.

Von dort fuhren wir auf dem Klondike Highway hoch zum White Pass. Klondike Trail, Chilkoot Trail, Namen, die ich aus den Bücher von Jack London kannte. Mehr als 3000 von Menschen gepeinigte Tiere, Hunde, Pferde und Maulesel starben auf dem Chilkoot Trail auf der Jagd nach Gold.

Die Provinz Yukon Territories lag nun vor uns. Ein landschaftlicher Traum, und gerade im Herbst war die Vielfalt der Farben eine Droge für das Auge. In einem schmalen Bach, weniger als zwei Meter breit, wimmelte es nur so von Lachsen. Ein Mittagessen, das man sich nicht entgehen lassen sollte. Ich hoffte, dass kein Ranger vorbeikam, denn man brauchte eine Genehmigung.

Wir waren auf den Spuren des Schriftstellers Jack London. Ich fühlte, wie das Abenteuer in mir glühte. Ich bewunderte die höchstgelegene Düne von Nordamerika. Wir waren frei und ohne gesellschaftliche Zwänge. Am farbenfrohen Emerald Lake bauten wir unser Nachtlager auf.
Von Whitehorse, der Hauptstadt der Yukon Territories, paddelten wir mit einem Kanu über den Lake Laberge und weiter auf dem Yukon River nach Dawson City. Auf dem Lake Laberge brachten uns heftiger Wind und hohe Wellen fast zum Kentern. Ich sprang in das eiskalte Wasser des Sees und rettete unser Kanu….
Während des Ausladens für das Nachtlager auf einem schmalen Sandstrand riss eine überraschend hohe Welle mein Kanu mit einem großen Teil meiner Ausrüstung mit ins Wasser. Reflexartig sprang ich in das eiskalte Wasser hinterher, um alles zu retten.
Von der Goldgräberstadt und einstigen Hauptstadt des Yukons, Dawson City, setzten wir die Fahrt am 1.9.1990 auf dem steinigen Dempster Highway nach
Inuvik in den North-West-Territories fort.

North Fork Pass, die Tompston Mountains, die Ogélvie Mtns., die Tundra, das war alles so weit, so gigantisch! Ich kam mir vor wie Fitzgerald, ein kanadischer Polizist (mounty), der bei einer Patrouille ums Leben kam. „The Death of Fitzgerald“

In windgeschützten Tälern standen die kleinen, widerstandsfähigen, und doch sehr alten Tannen. Der Duft von Gräsern und Flechten, den ich noch Tage vorher wahrgenommen hatte, war weg. Die Natur richtete sich auf den langen Winter ein. Meine Sinne, die durch die Reise sensibilisiert worden waren, spürten den kommenden Winter.

In den Richartson Mountans überschritten wir am 6.9.1990 zum ersten Mal den Polarzirkel. Dann überquerten wir den Arctic Red River an der einzigen möglichen Stelle, dem Dorf Tsiigehtchic. Jetzt waren wir in den Tundren der North West Territories und kamen zu der nördlichsten Stadt Kanadas, Inuvik.

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Wir hatten die nördlichste Stadt von Kanada erreicht. Von dort aus führte nur derselbe Weg wieder die 750 Kilometer zurück nach Dawson. Dort angekommen, setzten wir auf der Fähre über den Yukon River und fuhren hoch auf dem “Top of the World Highway”. Wiederum hunderte von Kilometern Schotterstraße bis Alaska.

In der Nähe des Ortes Eagel/Alaska stöberte Shir Khan einen jungen Schwarzbären auf und flüchtete in meine Richtung, wo ich saß und mir gerade mein letztes Sandwich zubereitete.
Der Dösbaddel versteckte sich dann auch noch hinter mir. Nach dem Motto: den Bär habe ich gefunden, nun seh mal zu, wie du mit ihm klar kommst.
Nach einigen Drohgebärden verschwand er wieder. Mein treuer Begleiter genoss mein letztes Sandwich. Mir war der Appetit vergangen.
Am Grenzübergang nach Alaska am 20.9.90 hatte ich Probleme mit einer Grenzbeamtin, die keine Ahnung hatte von Impfpässen für Hunde aus anderen Teilen der Welt. Telefonate über Telefonate, bis es dunkel wurde.Dann endlich bekam ich grünes Licht. Unmittelbar nach der Grenze schlugen wir unser Nachtlager neben einem kleinen Rollfeld auf.
Der Name des highway änderte sich nach der Grenze zu Tailor Highway. Die Qualität der Straße wurde auf der amerikanischen Seite schlechter. Eisiger Wind blie über die White Mountains. Die Nachttemperaturen waren schon zweistellig.

An meinem linken Fußknöchel veränderte sich rasend schnell ein Pigment. Das Tageslicht wurde immer kürzer, somit reduzierte sich die Anzahl der Kilometer die ich fahren konnte. In Chicken in Alaska hatte ich gehofft, Nahrung kaufen zu können. Doch die kleine Station war um diese Jahreszeit schon geschlossen.
Die nächsten Tage ernährte ich mich von Keksen, die mir von einem Autofahrer geschenkt wurden

Ende September hatten wir wieder Asphalt unter den Rädern. Der Name Alaska stammte von den Aleuten (Inuit Volksstamm) und bedeutet „großes Land“, womit sie den Nagel auf den Kopf getroffen hatten.

Der Winter hatte das Land schon im Griff, als wir vor den verschlossenen Toren des Denali National Park standen. Es war jetzt der zweite Anlauf, diesen Park zu sehen, und wieder kam mir etwas in die Quere. 1987 war es ein gebrochener Rahmen und nun der Winter. Ende November musste ich notgedrungener weise den Heimflug antreten.

BILDER

CALGARY STAMPEDE

AUF DEM YUKON RIVER

DAMPSTER AND TOP OF THE WORLD HIGHWAY;ALASKA

USA

N. YORK-CONNECTICUT-RHODE ISL-222km NEW YORK-CT. NEW YORK, LONGE ISLAND, NEW ENGLAND
JEWETT CITY-BOSTEN-278km MASSACHUSETTS BOSTEN-LEXINGTON-CONCORT
NEEDHAM-CHAMBRIDGE-CONCORT-334km NEW HAMPSHIR OSSIPA MTN-LAKE OSSIPEE, LAKE WINNIPESAUKEE
FRYEBURG-BANGOR-CALAIS.454km MAIN SPECKLEED MTN. APPALACHIAN MTNS.
CANADA
ST.STEPHAN-SAINT JOHN-294km N.BRUNSWICK GEZEITENSTÖME, BAY OF FUNDY
DIGBY-LIVERPOOL-LUNENBURG-HALIFAX-360km NOVA SCOTIA KEJIMKUJIK N.P. LIGHTHAUS ROUTE, BLUE NOSE IN LUNEBURG.
ST.JOHN 998km NEWFOUNDLAND SIGNAL HILL, AVALON PENINSULA
ST.JOHN-CORNER BROOK- 555km NEWFOUNDLAND GANDER, HWY.1 TRANS CANADA HIGHWAY
HALIFAX-892km NOVA SCOTIA CITADELE Von HALIFAX, HALIFAX
MONCTON-FREDERICTON-667km N.BRUNSWICK ROCKY POINT, MONCTON,HWY.2
WOODSTOK-EDMUNDSTON-636km N,BRUNSWICK LAKE TEMISCOUATE, HARTLAND LONGESTCOVERED BRIDGE
RIVERE-DU-LOUPOUEBEC-MONTREAL-597km QUEBEC ST.LAURENCE RIVER, QUEBEC CITY, MONTREAL
OTTAWA-TORONTO-OWEN SOUND909km ONTARIO OTTAWA, TORONTO, OWEN SOUND.
WAITON-ESPANOLA-THUNDER BAY-1.795km ONTARIO BRUCE PENINSULA NP, GEORGIAN BAY.
KENORA-STINBACH-WINNIPEG-307km MANITOBA LAKE SUPERIOR, LAKE HURON
YORKTON-SASKATOON-LIOYDMINSTER-1.656km SASKATCHEWAN LANGWEILIGE STRECKE, YELLOWHEAD HWY.
EDMONTON-CALGARY-453km ALBERTA DIE WEITE DER PRÄRIE, YELLOWHEAD HWY.
BANFF-GLODEN-VERNON1.269km ALBERTA.B.C. BANFF NP-LAKE LOUISE-YOHO NP-CLACIER NP.
PENTICTON-VANCOUVER-306km BRITISH COLUMB. MT.REVELSTOKE-FRASER VAELLEY
SKAGWAY-WHITEHORSE-DAWSON CITY-554km YUKON KLONDIGE HWY. YUKON RIVER; EMERALD LAKE
DAWSON C.-INUVIK-UND ZURÜCK-996km YUKON BONANZA CREE IN DAWSON ,DEMPSTER HWY.
DAWSON C.-TOK-FAIRBANKS-774km ALASKA TOP OF THE WORLD HWY. ALASKA HWY
COLLEGE-ANCHORAGE-HEIMFLUG.704km ALASKA ALSKA RANGE, HWY.3 ,ANCHORAGE.

EXKURSION 1990 16.010km